Sa 19.09.

19.30h St. Anna-Kapelle

Guillaume Dufay:
Missa Se la face ay pale

Ensemble Lamaraviglia


Guillaume Dufay (1397–1474)

  • Chanson Se la face ay pale
    1. Strophe: Se la face ay pale
  • Missa Se la face ay pale
    Kyrie
    Gloria

Hugo de Lantins (fl. 1420–1430)

  • Helas amour, que ce qu‘endure
  • Plaindre m‘escuet de ma damme jolye

Guillaume Dufay

  • Vasilissa, ergo gaude
  • Chanson Se la face ay pale
    2. Strophe: Se ay pesante malle
  • Missa Se la face ay pale
    Credo

Hugo de Lantins

  • Per amor de costey
  • Je suis exent entre aman pour amour
  • Tra quante regione el sol si mobele

Guillaume Dufay

  • Chanson Se la face ay pale
    3. Strophe: C’est la plus reale
  • Missa Se la face ay pale
    Sanctus
    Agnus Dei

Ensemble Lamaraviglia
Stephanie Boller Cantus/Mezzosopran & Leitung
Lea Scherer Cantus/Mezzosopran
Matthias Deger, Ivo Haun, Martin Kautzsch, Matthieu Romanens Tenor
Jedediah Allen, Jorge Martínez Escutia Bass

lamaraviglia.ch

Se la face ay pale – Wenn das Gesicht bleich ist …

Guillaume Dufay (1397–1474) komponierte in allen bekannten Gattungen seiner Zeit; sein Werk zeichnet sich aber unter anderem dadurch aus, dass er die überlieferten Formen stets mit kompositorischen Überraschungen und Neuerungen bereicherte und weiterentwickelte. Dies zeigt sich bereits im frühesten seiner überlieferten Werke, der Motette Vasilissa, ergo gaude. Sie entstand für die Hochzeit bzw. für die Abreise von Cleofe Malatesta, der Tochter des in Pesaro herrschenden Pandolfo Malatesta, die mit Theodoros II., dem Fürsten (Despotes) von Morea und Sohn des byzantinischen Kaisers Manuel II., in dessen Abwesenheit verheiratet worden war. Dufay verwendet, ganz der Tradition folgend, einen gregorianischen Choral (Concupivit rex decorum tuum) als Cantus firmus-Tenor und die isorhythmische Kompositions­technik seiner Vorgänger.*Als Neuerung textiert er jedoch beide Oberstimmen der Motette mit dem gleichen Text und erreicht so eine grössere Text­verständ­lich­keit. Für dieselbe Hochzeit schrieb auch Hugo de Lantins (fl. 1420–1430) die Ballata Tra quante regione. Er hielt sich zur gleichen Zeit wie Dufay, nachweislich am 8. Juni 1423, am Hof der Malatesta in Pesaro auf; viel mehr ist über ihn nicht bekannt.
Die damalige enge Verbindung von weltlicher und sakraler Dichtung zeigt sich in ganz besonderer Weise an Guillaume Dufays Missa Se la face ay pale, die im Zentrum des Konzert­programmes steht. Die Messe entstand in den 1450er Jahren und ist die erste überlieferte Messe, in der alle fünf Sätze über denselben Cantus firmus, Dufays eigene Chanson-Ballade Se la face ay pale, komponiert wurden.
Lange galt die Vermutung, Dufay habe die Messe für Hochzeits­feierlichkeiten am savoyischen Hof komponiert. Der Hintergrund für diese Annahme: Die erste Strophe der früher entstanden Chanson ist geprägt von einem dreifachen Wortspiel mit amer (lieben), amer (bitter) und la mer (das Meer), welches in mittel­alterlicher Dichtung mehrfach vorkommt. Das Lied beginnt:
Se la face ay pale
la cause est amer,
(…)
et tant m’est amer amer,
qu’en la mer me voudroy voir.
Wenn das Gesicht bleich ist,
ist der Grund dafür die Liebe,
(…)
und die Liebe ist für mich so bitter
dass ich ins Meer versinken möchte.
Das bleiche Gesicht wurde in dieser Deutung mit dem Bräutigam assoziiert; das Erbleichen beim Anblick der Geliebten ist in der Dichtung der Zeit ein gängiges Motiv. Neuere Forschung und Überlegungen sind von dieser Vermutung jedoch wieder abgerückt. Ein Argument dagegen ist beispielsweise, dass für adelige Hochzeiten keine Messen, sondern Motetten oder weltliche Lieder geschrieben wurden, wie das Beispiel der Malatesta-Hochzeit zeigt.
Weshalb aber wählte Dufay für seine erste Parodiemesse seine Chanson Se la face ay pale als Cantus firmus? – Spät­mittel­alter­liche Passionen und Dialoge, die das Leben von Jesus reflektieren, wie auch Gemälde beschreiben und zeigen Christus häufig mit bleichem Gesicht. Es wird vermutet, dass Dufay den Text der Chanson christologisch interpretierte, respektive dass der Text von Anfang an im Hinblick auf eine weltliche und eine geistliche Lesart verfasst wurde. In dieser Lesart ist der Mann mit dem bleichen Gesicht Jesus, der seine Seele anfleht, sich seines Leidens bewusst zu sein. Ein weiterer Hinweis auf eine christologische Deutung der Chanson im Kontext der Messe könnte in der Ankunft einer wichtigen Reliquie, des Grabtuchs von Jesus, am Hof von Savoyen liegen. Der Herzog von Savoyen hatte das Grabtuch, heute als «Turiner Grabtuch» bekannt, 1453 erstanden. Da es angeblich Abdrücke des Gesichts und Körpers von Jesus zeigt, wäre es möglich, dass Dufay eine Messe zu diesem Ereignis komponierte, die nicht nur textlich, sondern auch mit numerischen Anspielungen einen Bezug zum leidenden Christus und zur Reliquie schuf. So könnte die in der höfischen Dichtung unübliche fünfsilbige Versform, die Dufay in der Chanson-Ballade verwendet, in Anlehnung an die häufig fünfsilbigen Litaneien des Karfreitags gewählt worden sein und so – im Mittelalter ein allgegen­wärtiges Symbol – an die fünf Wunden Jesu erinnern.
In seinem Programm verbindet das Ensemble Lamaraviglia weltliche und sakrale Kompositionen von Dufay und de Lantins und lässt die Chanson-Ballade Se la face ay pale oszillieren zwischen den weltlichen Hochzeits­motetten, Balladen und Chansons und der Ordinariums­vertonung der Missa Se la face ay pale.
Stephanie Boller
(Und übrigens: Auch der Name des Ensembles Lamaraviglia bezieht sich auf das oben erwähnte Wortspiel, einfach in italienischer Übersetzung – amare, amaro, mare …).

 

Guillaume Dufay

Wo immer im Europa des 15. Jahrhunderts sich etwas Wichtiges abspielt, ist er dabei: Guillaume Dufay (1397–1474), der prominenteste und gefragteste Komponist seiner Zeit.
Obwohl vermutlich als unehelicher Sohn eines Priesters geboren, wird der Knabe in die Maîtrise (Singschule) von Cambrai aufgenommen, und schon als junger Mann wird er Kaplan an der dortigen Kathedrale. Danach beginnt eine bewegt-unruhige Zeit. 1414 kommt Dufay im Gefolge eines Kardinals an das Konzil von Konstanz, wo sich auch die Musik­kapellen hoher Würdenträger aus Frankreich, Deutschland und Italien einfinden. Bald danach ist Dufay für die Fürstenfamilie Malatesta in Pesaro und Rimini tätig; sein Kollege in der Hofkapelle ist Hugo de Lantins. Zu verschiedenen offiziellen Anlässen komponiert Dufay grosse sogenannte Reprä­senta­tions­motetten, darunter (wie oben erwähnt) die Hochzeitsmotette Vasilissa, ergo gaude.
1427/28 steht Dufay im Dienst eines Kardinals in Bologna, bald wird er aber Mitglied der päpstlichen Kapelle in Rom und bleibt dies bis 1437. Für verschiedene Ereignisse in Rom und später für die Einweihung des Doms in Florenz 1438 schreibt der Komponist weitere grosse Motetten. Darunter ist Nuper rosarum flores; die Proportionen der Komposition entsprechen denen des Florentiner Doms. In den 1430er Jahren steht Dufay in Kontakt mit den Höfen von Savoyen, Burgund und Ferrara, er reist nach Lausanne und ist 1438 am Konzil von Basel – die Orte, Daten und Anlässe jagen und überlagern sich …
1440 ist Dufay zurück in Cambrai; dort kauft er ein Haus, reorganisiert die Kathedralmusik und übernimmt später das Amt des Magister de petits vicaires (Sängerknaben). Prominente seiner Zeit – darunter der spätere Herzog Karl der Kühne und der Komponist Johannes Ockeghem – besuchen ihn. Mitte 1474 erkrankt Dufay schwer; in seinem Testament wünscht er, dass ihm am Sterbebett seine eigene Motette Ave Regina caelorum gesungen werde, in der er namentlich genannt wird: Miserere tui labenti Du Fay (erbarme dich deines kranken Dufay). Der Komponist stirbt am 27. November 1474.
Guillaume Dufay ist die herausragende Persönlichkeit der frühen franko-flämischen Musik. Dies nicht zuletzt, weil er in seinen vier vierstimmigen Cantus firmus-Messen die fünf Messsätze konsequent als zusammen­hängenden Zyklus gestaltet. Zum Zyklus verbunden werden die Messsätze durch die Tenorstimme, in der jeweils in langen Notenwerten der Cantus firmus erklingt. In der Missa Se la face ay pale ist der Cantus firmus der Tenor der gleichnamigen Chanson-Ballade. Ihre – trotz des leidvollen Themas – «hell» anmutende Grund­stimmung prägt auch die Atmosphäre der ganzen Missa, und darüber hinaus werden die Melodik und der Duktus des Cantus firmus vor allem in den Schluss­partien von Gloria und Credo sehr gut hörbar. Selten ist die Synthese von weltlicher und geistlicher Musik für ein heutiges Publikum so direkt erlebbar wie hier.