Fr 11.09.

19.30h Kirche St. Peter

Empio Mare, Onde Crudeli
Royale Dramen in den Kantaten von Händel und Telemann

Zürcher Barockorchester
Ana Maria Labin
Sopran


Georg Friedrich Händel (1685–1759)

  • Largo e affettuoso – A Tempo giusto
    aus: Concerto Grosso g-Moll, Op. 6 Nr. 6 HWV 324
    für zwei Oboen, Streichinstrumente und Basso Continuo
  • Ero e Leandro
    Kantate für Sopran, 2 Oboen, Violine Solo, Streichinstrumente und Basso Continuo HWV 150
    Rezitativ: Qual ti riveggio, oh Dio
    – Arie: Empio mare, onde crudeli
    – Rezitativ: Amor, che ascoso ne’ suoi vaghi lumi
    – Arie: Se la morte non vorrà
    – Rezitativ: Questi dalla mia fronte
    – Arie: Si muora, si muora
    – Rezitativ: Ecco, gelide labbra

Francesco Geminiani (1687–1762)

  • Concerto Grosso e-Moll, Op. 3 Nr. 3
    für zwei Soloviolinen, Streichinstrumente und Basso Continuo
    Adagio e Staccato – Allegro. Adagio – Adagio – Allegro

Georg Philipp Telemann (1681–1767)

  • Ino
    Kantate für Sopran und Orchester TWV 20:41
    – Rezitativ: Wohin, wo soll ich hin
    – Arie: Ungöttliche Saturnia
    – Rezitativ: O all ihr Mächte des Olympus
    – Rezitativ: Wo bin ich? O Himmel!
    – Rezitativ: Mitleidiger Retter! Was hilft mir mein Leben?
    – Rezitativ: Ich seh‘ ihn! Ihr Götter!
    – Tanz der Tritonen
    – Rezitativ: Ungewohnte Symphonien
    – Arie: Meint ihr mich, ihr Nereiden?
    – Rezitativ: Und nun! Ihr wendet Euch so schnell zurück?
    – Arie: Tönt in meinem Lobgesang

Zürcher Barockorchester
Monika Baer & Renate Steinmann Violine und Leitung
Andrea Brunner, Elisabeth Kohler, Aliza Vicente, Salome Zimmermann Violine
Claire Foltzer, Eveleen Olsen Viola
Hristo Kouzmanov Violoncello
Armin Bereuter Violone
Thomas Leininger Cembalo
Claire Genewein, Rebekka Brunner Flauto traverso
Philipp Wagner, Katharina Arfken Oboe
Lionel Pointet, Pascal Deuber Corno

Ana Maria Labin Sopran
Cembalo von Markus Krebs in deutscher Bauweise nach Mietke

zuercherbarockorchester.ch
anamarialabin.com

Tückisches Meer, grausame Wellen …

Che orrore! Gleich zwei Todesfälle ereignen sich in diesem Programm des Zürcher Barockorchesters: Drama pur. Zwei Solo-Kantaten, vertont einerseits vom blutjungen Händel und andererseits vom betagten Telemann, mit – als Interludium – einem Concert grosso des als Exzentriker geltenden Geminiani: ein filmreifes Programm also zum Mitfiebern, Erschrecken, Erschauern, Trauern und erlösenden Mitfühlen – ein Abend voller Emotionen.
Der junge Georg Friedrich Händel (1685–1759) reist 1707 auf eigene Kosten zu Studienzwecken nach Italien, trifft in Rom Arcangelo Corelli und wird auch von dessen Mäzen Kardinal Pietro Ottoboni gefördert. Es entstehen Opern, Oratorien und mehrere Kantaten, darunter Ero e Leandro. Diese erzählt die Geschichte des Liebespaars Hero und Leander, das auf den entgegengesetzten Ufern des Hellesponts lebt. Da Hero eine Priesterin ist, kann Leander sie nur heimlich treffen. So schwimmt er Nacht für Nacht durch den Hellespont, wobei ihm Hero mit einer Fackel oder Lampe in ihrem Fenster den Weg weist. Als ein Sturm jedoch eines Nachts das Licht auslöscht, verirrt Leander sich und ertrinkt. Am nächsten Morgen entdeckt Hero seinen am Ufer angeschwemmten Leichnam und stürzt sich in den Tod.
Die Vermutung liegt nahe, dass Kardinal Ottoboni selbst der Textdichter von Händels Kantate war. Sie hat nicht die ganze Geschichte zum Inhalt, sondern setzt erst im Moment ein, als Hero ihren Geliebten Leander tot am Strand findet, und sie endet mit ihrem frei gewählten Tod, der als Erlösung dargestellt wird – etwas erstaunlich aus der Feder eines Kardinals … Ottoboni war höchstwahrscheinlich vertraut mit den Heroiden, einem Frühwerk des klassisch-römischen Dichters Ovids. In diesen Epistulae Heroidum (Briefe von Heldinnen) gestaltet der Dichter das Schicksal von mehreren antiken Frauenfiguren, unter ihnen Dido, Penelope, Medea und auch Hero. In Briefform klagen darin die Frauen über ihre untreuen oder verlorenen Männer. Dieser rein weiblichen Sicht auf den Mythos folgt auch Ottoboni in seinem Text, und ihr entsprechend schreibt Händel eine Kantate für Solosopran und Instrumentalensemble. Darüber hinaus wird der Einfluss der von Corelli begründeten italienischen Concerto Grosso-Tradition spürbar: prominent sind eine Solovioline und zwei Solooboen eingesetzt.
Während Händels Kantate wie erwähnt ein Frühwerk ist, entstand Ino von Georg Philipp Telemann (1681–1767) als ausgesprochenes Spätwerk, nämlich im zweitletzten Lebensjahr des Komponisten, und ist also das Werk eines 85-jährigen. Den Text der Kantate schrieb Karl Wilhelm Ramler (1725–1798), Dichter, Publizist, und Horaz-Übersetzer, mit dem Telemann schon früher erfolgreich zusammengearbeitet hatte: Von Ramler stammen die Libretti der Oratorien Der Tod Jesu sowie Die Auferstehung und Himmelfahrt Jesu. Wie Ottoboni griff auch Ramler auf Ovid zurück und gestaltete in seinem Text eine Episode aus dessen Metamorphosen (Viertes Buch). Telemann entdeckte diese Dichtung im Hamburger Journal Unterhaltungen und vertonte sie sozusagen «spontan» (wie Händel) für Solosopran und Instrumentalensemble.
Die Geschichte um die thebanische Königin Ino ist sehr viel grausamer als diejenige von Hero. Ino hat den Halbgott Bacchus aufgezogen, der die Frucht eines Seitensprungs Jupiters mit ihrer Schwester Semele ist. Deshalb wird Ino das Ziel der rachsüchtigen Juno, Jupiters Gattin. Sie versetzt Inos Ehemann Athamas in blindwütige Raserei, sodass er seine Frau und Kinder zu ermorden sucht. Den Sohn Learchos zerschmettert er an einer Felswand, dann verfolgt er Ino und den zweiten Sohn Melikertes bis auf eine Klippe an der Küste. Hier setzt nun Ramlers Dichtung ein: Ino sieht keinen anderen Ausweg, als sich mit ihrem Sohn ins Meer zu stürzen. Doch – eine glückliche Wendung: Mutter und Sohn werden von den Wellen getragen und vom Meeresgott Neptun in sein Reich aufgenommen. Er verwandelt sie in die Meeresgottheiten Leukothea und Palaemon, die Schutzgötter der Schiffbrüchigen.
Während Händel die Besetzung seiner Kantate auf Streichinstrumente und Oboen beschränkt, setzt Telemann für seine Kantate ein mit Flöten und Hörnern deutlich grösser besetztes Ensemble ein und komponiert eine aussergewöhnlich reiche und farbige Musik. Auffällig sind etwa die stilistisch unterschiedlich gestalteten Arien, die orchesterbegleiteten Rezitative, die klangmalerische Gestaltung der Meerestiefe oder der Tanz der Tritonen.
Beide Solokantaten thematisieren – obwohl von Männern gestaltet – den weiblichen Blick ihrer Protagonistinnen auf das eigene Schicksal sowie die Beweggründe für ihr radikales Handeln. Die Werke sollen ihre Emotionen und Motive deutlich machen und Empathie hervorrufen. Beide Texte setzen spät in der Handlung des jeweiligen Mythos ein; es geht darin also nicht um die Darstellung des ganzen Dramas, sondern viel mehr um Einsichten in die Psyche der Heldinnen. Das darf als modern und emanzipatorisch angesehen werden.
Das ZBO setzt die beiden Werke in einen dramaturgischen Kontext, der zugleich biographische Bezüge aufweist: Zwei Sätze aus Händels späten Londoner Concerti Grossi Opus 6 eröffnen das Konzert, und in der Mitte steht ein Concerto Grosso von Francesco Geminiani (1687–1762). Der italienische Komponist, ein Schüler Arcangelo Corellis, lebte ab 1714 in London (und später auch in Dublin), wo er höchstwahrscheinlich auch Händel begegnete, wenn er ihn nicht schon 1707 in Rom kennenlernte. Geminianis virtuoses und eigenwilliges Violinspiel sowie seine manchmal harmonisch gewagte Kompositionstechnik verschafften ihm den Ruf eines Exzentrikers. Dazu wird auch beigetragen haben, dass Geminiani sich nicht nur der Musik, sondern zunehmend auch dem Handel mit Bildern italienischer Meister widmete. Und eine – von heute aus gesehen – weitere Merkwürdigkeit: Besonders gefragt waren in England seine Concerti Grossi, die als Bearbeitungen von Corellis Violinsonaten entstanden; davon schrieb Geminiani im Lauf der Zeit nicht weniger als 15 Werke. Die Six Concertos des Opus 3 sind allerdings originale Kompositionen, die erstmals 1732 und dann nochmals 1755 erschienen, Revised, Corrected, and Enlarged, by the Author.
Zürcher Barockorchester