Johann Melchior Gletle – Ein europäischer Klang im Augsburger Dom
Ein unbekannter Komponist aus dem aargauischen Bremgarten des frühen 17. Jahrhunderts – ist da etwas anderes zu erwarten als ein weiterer Kleinmeister des Frühbarocks?!
Nach einer von Thomas Baldinger rekonstruierten Marienvesper (2005) und nach Daniela Dolcis Gesamtaufnahme der 36 Motetten op. 5 (ab 2007) – ja da hätte man meinen können, der Schweizer Komponist Johann Melchior Gletle sei nun einem grösseren Publikum nachhaltig bekannt; schliesslich hat die Schweiz auf dem Gebiet der Barockmusik nicht gerade viel Nennenswertes zu bieten. Doch weit gefehlt: Der Name Gletle löst auch heute noch ähnliche Reaktionen aus wie damals …
Dabei hatte Gletle einst einen ganz anderen Ruf genossen. So erfuhr er eine eindrucksvolle Würdigung durch den französischen Musiktheoretiker Sébastien de Brossard (1655–1730), der in seinem handschriftlichen Katalog notierte: On peut dire que c’est icy le prince de la coriphée des musiciens modernes, surtout d’Allemagne […] Sa musique est sage et régulière, et cependant brillante et légère quand il le faut. – Man darf ihn den Fürsten unter den modernen Musikern nennen, besonders in Deutschland. Seine Musik ist weise und regelmässig, zugleich brillant und leicht, wenn es nötig ist.
Über Gletles Leben ist leider nur wenig bekannt: Das Taufregister der Stadt Bremgarten vermerkt im Juli 1626 die Taufe des Hanß Melcher Gletle. (Man darf vermuten, dass der Name Gletle, der manchmal auch als Glettle erscheint, die süddeutsche Variante des schweizerischen Glättli ist). Bremgarten war im konfessionell zersplitterten 17. Jahrhundert ein wichtiges Zentrum katholischer Bildung. Früh kam Gletle in Kontakt mit den Jesuiten, bei denen er 1641 im Kolleg von Freiburg im Üechtland als Schüler belegt ist. Über seine musikalische Ausbildung ist nichts Sicheres überliefert, doch seine spätere Laufbahn legt eine fundierte Kenntnis der italienischen Kirchenmusik nahe.
1651 wurde Gletle, fünfundzwanzigjährig, Organist am Dom zu Augsburg, einer der bedeutendsten paritätischen Kirchen im Deutschen Reich. 1654 übernahm er auch die Leitung der Domkapelle und blieb bis zu seinem Tod 1683 in beiden Ämtern tätig. In Augsburg verheiratete der Komponist sich mit Katharina Streitlin; das Paar hatte über die Jahre nicht weniger als 16 Kinder.
Augsburg war zu dieser Zeit eng mit dem europäischen Jesuitennetzwerk verbunden, und Gletles Musik spiegelt diese Verbindung deutlich: Stilistisch steht seine Musik in der Tradition der römischen musica concertata, wie sie Giacomo Carissimi (1605–1674) und seine Schüler prägten. Gletles unmittelbarer Vorgänger im Kapellmeisteramt, Philipp Jakob Baudrexel, hatte denn auch in Rom an dem von den Jesuiten geführten Collegium Germanicum et Hungaricum bei Carissimi studiert – ein Einfluss, der auch auf Gletles Schaffen wirksam wurde.
Gletles kompositorisches Werk umfasst acht gedruckte Sammlungen, die zwischen 1667 und 1681 in Augsburg erschienen: 5 Bände mit geistlicher Musik, alle mit dem Titel Expeditionis Mvsicæ (Classis I–V); sie enthalten Motetten, Psalmvertonungen, Messae concertatae und Litaneien. Zwei Bände mit dem Titel Musica Genialis enthalten weltliche Vokal- und Instrumentalmusik bey vornemmen Mahlzeiten zur Tafel=Music / und andern frölichen Zusammenkunfften zu gebrauchen. (Ein weiterer Band ist verloren.) Im Titel aller Publikationen nennt sich Gletle jeweils ausdrücklich Bremgartensis, also aus Bremgarten stammend. Da bereits der erste Band der Expeditionis Mvsicæ nummeriert ist, hatte Gletle die Bände ambitioniert als Anthologie geplant und diese auch selber finanziert. Sie zeigen einen Komponisten, der zwischen kontrapunktischer Strenge und affektgeladener Expressivität vermittelt, dessen Textausdeutung präzise, rhetorisch geschärft und zugleich von feinem melodischem Sinn getragen ist.
Das Konzert der beiden Ensembles Voces Suaves und Les Cornets Noirs unter der Leitung von Jörg-Andreas Bötticher möchte Gletle als Meister zwischen römischer Ausdruckskunst und süddeutscher Klangtradition erlebbar machen, als Komponisten, der die spirituelle Tiefe des 17. Jahrhunderts mit kunstvoller Klangrede verband. Zu hören sind vor allem bisher unbekannte Werke aus den Bänden der Expeditionis Mvsicae: Motetten aus op. 1 (1667) sowie Psalmen und ein Magnificat aus op. 2 (1668). Im Zentrum des Programms steht die 15-stimmige Missa (concertata) Regis Gloriae aus op. 3 (1670), die anhand der sieben erhaltenen Originalstimmen von Martin Lubenow eigens rekonstruiert wurde.
Ein grosser Dank geht an Prof. Christoph Riedo, Universität Genf, für zahlreiche Informationen zu diesem Kommentar.
Herzlich bedankt sei auch Frau Christine Schneider, die für die Rekonstruktion der Missa Regis Gloriae freundlicherweise ein Stimmbuch zur Verfügung stellte.