Album de Marguerite d’Autriche
Echo einer Fürstin der Renaissance
Sie war mit dem zukünftigen König von Frankreich verlobt, mit dem spanischen Thronfolger sowie mit dem Herzog von Savoyen verheiratet und regierte als Statthalterin der Habsburgischen Niederlande – und doch ist Margarete von Österreich (1480–1530) heute nur wenigen bekannt. Dabei war sie eine der einflussreichsten Frauen der Renaissance, eine leidenschaftliche Mäzenin und Kunstsammlerin, eine Diplomatin ersten Ranges.
Margarete ist die Tochter von Kaiser Maximilian und Maria von Burgund. Bereits als zweijähriges Kind wird sie mit dem französischen Kronprinzen Charles VIII. verlobt und dem französischen Hof übergeben. Dort wächst sie auf, doch Charles entscheidet sich schliesslich aus politischen Gründen für eine andere Braut, der Ehevertrag wird aufgelöst und Margarete in die Niederlande zurückgeschickt.
Es folgen zwei weitere Ehen, beide wiederum politisch motiviert und vom Kaiser eingefädelt: die erste 1497 mit dem spanischen Thronfolger Juan von Aragon und Kastilien, der jedoch bald danach stirbt und die zweite 1501 mit Philibert II., Herzog von Savoyen. Ihm fühlt sich Margarete persönlich verbunden, doch verunglückt Philibert bald bei einem Jagdunfall. Mit seinem Tod im Jahr 1504 tritt Margarete in eine dunkle Phase ihres Lebens. Sie trägt Trauer bis an ihr Lebensende und stiftet das Kloster von Brou, ein Monument des Schmerzes und der Liebe.
Ab 1507 regiert sie im Auftrag ihres Vaters, Kaiser Maximilian I., als Statthalterin die Niederlande und macht ihren Hof in Mechelen (Belgien) zu einem kulturellen Zentrum Nordeuropas. Sie gestaltet europäische Geschichte mit, vor allem 1529 beim sogenannten «Damenfrieden von Cambrai», den sie mit Luise von Savoyen aushandelt.
Bei aller Politik verlor Margarete jedoch nie den Blick für die Schönheit: an ihrem Hof verkehrten Maler, Dichter, Gelehrte und Musiker. Insbesondere lässt sie sich in Mechelen einen persönlichen Chansonier, ein Lieder- oder Musikbuch, anlegen. Dass sich darin die Chansons Mille regretz von Josquin Desprez und Secretz regretz von Pierre de la Rue finden, deutet an, dass Musik für Margarete keine Unterhaltung, sondern emotionaler Ausdruck war.
Das Konzertprogramm spiegelt Margaretes Lebensreise wider. Die meisten Werke stammen aus Quellen, die eng mit ihr verbunden sind: Das Manuskript 228, das heute in der Bibliothèque royale de Belgique aufbewahrt wird, ist eben jener Grosse Chansonnier Album de Marguerite d’Autriche, den sie persönlich zusammenstellen liess. Der Basevi Codex, heute in der Bodleian Library Oxford, ist eine weitere Handschrift aus ihrem unmittelbaren Umfeld. Josquin Desprez, Loyset Compère und vor allem Pierre de la Rue gehörten zu den Komponisten, die sie besonders schätzte.
Die Tänze von Pierre Attaingnant und die Fantasien von Eustache Du Caurroy stammen dagegen von einer späteren Generation: Sie erklingen hier als stilistisches Echo jener franko-flämischen Tradition, die Margarete mitprägte. Was von ihr überlebt hat, ist also nicht die Macht, sondern die Schönheit der Kunst, die sie als Mäzenin förderte und so zu Leben und Blühen verhalf.
Les Oiseaux Enchantés
***
Der wichtigste Komponist an Margaretes Hof ist Pierre de la Rue (ca. 1452–1518), mit dem sie ein durchaus freundschaftliches Verhältnis pflegt. Er gehört zu jenen Komponisten um 1500, in deren Musik sich ein neuer, intimer und persönlicher Ton findet. So ist seine Musik besonders geeignet, um Margaretes melancholische Gestimmtheit an- und auszusprechen. Direkten Eingang in de la Rues Werke finden auch die Todesfälle in Margaretes Leben; so wird etwa der frühe Tod ihres Bruders Philipp («der Schöne») in einer Motette erwähnt.
Aber auch der Grosse Chansonier, den sie in Mechelen anlegen lässt (MS 228), enthält überwiegend melancholische Werke; einige Texte dieser Chansons stammen aus Margaretes eigener Feder. Charakteristisch sind die zahlreichen Regretz-Chansons, die von Kummer und Sorgen (regretz) sprechen, u.a. Tous les regretz von Antoine Brumel, Mille regretz oder Plus nulz regretz von Josquin Desprez. – Nicht alles in Margaretes Musikkultur spricht jedoch von Tod und Trauer: Ihr «kleiner» Chansonnier aus Savoyen enthält auch fröhliche Stücke, und in ihrer Musikbibliothek findet sich eine Sammlung mit Basses danses, eines der seltenen Manuskripte mit Tänzen jener Zeit.