O du süsses Clavier
Die Dynastie Bach
Jermaine Sprosse Clavichord

Wilhelm Friedemann Bach (1710–1784)
- Sonate in D-Dur (BR WFB A 5)
Allegro non tanto – Adagio – Vivace
Jermaine Sprosse (*1986)
- Fantasia in F-Dur, J.C.F. Bachs Empfindungen
Johann Christoph Friedrich Bach (1732–1795)
- Fuga in F-Dur (BR A 5 inc.)
Wilhelm Friedemann Bach
- Polonaise in d-Moll (BR WFB A 30)
- Polonaise in e-Moll (BR WFB A 34)
Johann Christoph Friedrich Bach
- Solfeggio in D-Dur (BR JCFB A 108)
- Sonata in A-Dur (BR JCFB A 7, gedruckt 1785)
Allegretto – Larghetto – Rondo. Allegretto
Wilhelm Friedrich Ernst Bach (1759–1845)
- Arioso con variazioni in g-Moll (BR WFEB YA 21)
Juliane Reichardt (née Benda) (1752–1783)
- Sonata (II) in G-Dur (Hamburg, 1782)
Allegretto – Andante – Allegro
Jermaine Sprosse Clavichord
Clavichorde von Ambrosius Pfaff nach Silbermann und von Thomas Steiner nach Hubert
Selten genug erklingen im Konzert die Werke für solistisches Tasteninstrument von Johann Sebastian Bachs ältestem Sohn Wilhelm Friedemann. Noch geringer ist die Präsenz seines jüngeren «Bückeburger» Halbbruders Johann Christoph Friedrich, über den Wilhelm Friedemann gesagt haben soll, er sei unter den vier Brüdern der stärkste Spieler gewesen, der seines Vaters Clavierkompositionen am fertigsten vorgetragen habe.1 Und beinahe gänzlich fehlen im Konzertleben heute die Werke von Wilhelm Friedrich Ernst, dem Sohn des «Bückeburger Bach»; er ist derjenige Enkel Johann Sebastians, mit dem die Komponistendynastie 1845 ihr Ende fand. Mit dem Programm O du süsses Clavier soll die hochentwickelte, nuancenreiche Musik dieser Komponisten näher beleuchtet werden.
Die Sonate in D-Dur (BR WFB A 5) gehört in eine Gruppe später Sonaten von Wilhelm Friedemann Bach (1710–1784) aus dessen Braunschweiger bzw. Berliner Jahren um 1770–1775; sie ist von schlichter Faktur und lässt die Vermutung einer pädagogisch motivierten Komposition zu. Sie besticht durch einen kantablen Erstsatz, einen ausgedehnten, beinahe durchgängig zweistimmig gehaltenen Mittelsatz sowie durch ein beschwingtes, ausgelassenes Vivace im 3/8-Takt.
Die zwölf Polonaisen zählen indessen zu den bekannteren Clavierwerken Wilhelm Friedemanns. Charakterlich und hinsichtlich der Affektsprache von grosser Bandbreite, sowie technisch hoch anspruchsvoll, bilden sie einen der frühesten Zyklen von Polonaisen als Konzertstücke für solistisches Tasteninstrument. Einen musikalischen Höhepunkt stellt die Polonaise in e-Moll (BR WFB A 34) dar. Sie wirkt charakterlich unstet, zerklüftet, dabei sehr leidenschaftlich. Die Tonart e-Moll ist von schmerzlichem, sehnsuchtsvollem Charakter. Auffällig ist Bachs Bestreben, den charakteristischen Polonaisen-Rhythmus zu verschleiern und zu verdunkeln. Dies wird unter anderem dadurch erzeugt, dass die linke Hand die kantable, in langen Phrasen gesetzte rechte Hand auf den «Und»-Zählzeiten (sog. «Off-Beats») begleitet. Metrische Takteinheiten bzw. Schwerpunkte werden hierdurch verdeckt. Hinzu kommen doppeltverminderte Akkord-Arpeggien im zweiten Teil, mittels derer Bach die Musik stark eintrübt und – ganz im Sinne einer Dubitatio – das Publikum über den weiteren harmonischen Verlauf der Polonaise im Unklaren lässt.
Die Clavierwerke von Johann Christoph Friedrich Bach (1732–1795) sind wahre Neuentdeckungen. Da Bach als Improvisator hoch angesehen war,2 jedoch keine seiner Fantasien schriftlich überliefert ist, habe ich im Jahr 2022 die Fantasie J. C. F. Bachs Empfindungen komponiert. Diese stellt den Versuch einer Annäherung an den späten Improvisationsstil Johann Christoph Friedrichs dar, wobei kraftvolle Akkordblöcke sowie feinste dynamische Abstufungen den Diskurs des Stückes bestimmen.
Auf die Fantasie folgt eine Fuge in gleicher Tonart von Johann Christoph Friedrich selbst (BR JCFB A inc. 5), welche möglicherweise ein Übungsstück aus seinen Leipziger Jahren (d.h. vor 1749) ist. Die Fuge ist dreistimmig, sehr schlicht gehalten und zeigt Bach als geübten Kontrapunktiker mit einem ausgeprägten Sinn für Kantabilität. Zugleich handelt es sich um seine einzige erhaltene Fuge, deren Echtheit als gesichert gilt.
Johann Christoph Friedrichs späte Clavier-Sonaten der Jahre 1785 bis 1790 sind anspruchsvolle Werke, in denen sprudelnde Virtuosität, harmonische Kühnheiten in der Art seines Halbbruders Carl Philipp Emanuel, eine prägnante Rhythmik sowie formale Geschlossenheit auf eindrückliche Weise zusammenwirken. Besonders inspiriert von Carl Philipp Emanuel ist die Sonate V in A-Dur, welche in eine Gruppe sechs anspruchsvoller Sonaten (BR JCFB A 3-8) gehört.3 In ihr vereint Johann Christoph Friedrich kühne Harmonik mit grossflächiger Kantabilität und unerwarteten virtuosen Ausbrüchen, welche besonders im ersten Satz anzutreffen und zu meistern sind.
Wilhelm Friedrich Ernst Bach (1759–1845) lebte als Protégé seines Onkels Johann Christian in London und kehrte nach dessen Tod 1782 nach Deutschland zurück. 1789, nach verschiedenen Zwischenstationen, wurde er als Cembalist und Musiklehrer an den Berliner Hof unter König Friedrich Wilhelm II. berufen. Etwa zu dieser Zeit, d.h. um 1785/90, dürften die hier aufgeführten Werke entstanden sein. Die Variationen in g-Moll (BR WFE B YA 21) wurden zunächst Wilhelm Friedemann Bach zugeschrieben. 2019 nahm die Bachforschung diese jedoch aus stilistischen Gründen in die Kategorie der Incerta des neu erstellten W.F. Bach-Werkverzeichnisses auf, also in die Gruppe von Werken zweifelhafter bzw. nicht gesicherter Echtheit. Das Werk ist herben, dunklen Charakters. Phasenweise steht der Claviersatz dem Stil Joseph Haydns von vor 1790 nahe, das Ende der Variationen scheint eher von F.W. Rust (1739–1796) und dessen frühen Clavier-Sonaten inspiriert worden zu sein.
Den Abschluss bildet Juliane Reichardt, geb. Benda (1752–1783) mit der zweiten ihrer beiden einzigen überlieferten Claviersonaten. Als erste Ehefrau des seit 1776 amtierenden Hofkapellmeisters und Musikschriftstellers Johann Friedrich Reichardt (1752–1814) trat sie nicht nur in dessen Umfeld hervor, sondern erwarb sich im Laufe ihres kurzen Lebens selbst einen beachtlichen Ruf als Sängerin und Claviervirtuosin. Aus ihrem kompositorischen Schaffen ragt besonders die 1782 in Hamburg erschienene Sammlung Lieder und Clavier-Sonaten heraus. Die hier präsentierte Sonate besticht durch ihre Verve und eine sprudelnde, bisweilen beinahe überschwängliche Virtuosität.
Jermaine Sprosse
- Johann Nikolaus Forkel: Ueber Johann Sebastian Bachs Leben, Kunst und Kunstwerke, Leipzig 1802, S. 44
- Vor allem die seitens K.G. Horstig in einem Nekrolog auf J.C.F. Bach aus dem Jahr 1797 ausführlich dargelegten Fantasierkünste Bachs sind Zeitzeugnisse von unschätzbarem Wert für die heutigen Clavierspieler- und J.C.F. Bach-Liebhaber*innen!
- Die sechs leichten Sonaten BR A 3–8 «fürs Clavier [= Clavichord] oder Piano Forte» entstanden zu Beginn der 1780er Jahre und sind Fürstin Juliane zu Schaumburg-Lippe (1761–1799) gewidmet. Als hoch fortgeschrittene Schülerin Bachs inspirierte sie Werke, die bei aller intendierten Spielbarkeit eine beachtliche kompositorische Differenziertheit zeigen und künstlerischen Anspruch mit pädagogischer Zielsetzung verbinden.