Der Komponist Elam Rotem zu seinem Werk Joseph und seine Brüder:
Im frühen 17. Jahrhundert waren der Komponist Salomone Rossi und viele andere jüdische Künstler stark am kulturellen Leben der Stadt Mantua beteiligt. Als Sänger, Schauspieler und Tänzer wirkten sie bei künstlerischen Produktionen mit, die der Hof der Gonzagas in Auftrag gab. Dabei arbeiteten sie mit lokalen Künstlern zusammen, unter ihnen insbesondere Claudio Monteverdi.
Die musikalische Vielfalt, die die jüdische Gemeinde pflegte, ermöglichte es Salomone Rossi, die Musik der Synagoge zu erneuern; bei seiner Vertonung der hebräischen Texte der Liturgie (Ha-Shirim Asher li-Shelomoh – Lieder Salomos, Venedig 1622/23) verwendete er die damalige „westlich-christliche” Musiksprache. Jedoch: Aufgrund einer Invasion der Habsburger in den späten 1620er Jahren (und der damit verbundenen Zerstörungen) hat von dieser reichen Kultur der jüdischen Gemeinde nichts überlebt, ausser der Musik, die Salomone Rossi in Venedig herausgebracht hatte: u.a. dreistimmige Canzonetten, fünfstimmige Madrigale sowie zwei Bücher mit Sonaten.
Das ist der Hintergrund und die Inspirationsquelle von Joseph und seine Brüder. Ich ging von der Annahme aus, dass im damaligen Mantua bei jüdischen Theaterproduktionen – anstelle der griechischen Mythen – Geschichten aus dem Alten Testament auf die Bühne kamen.
Auf dem Gebiet der Alten Musik hat lange gegolten, dass eine historisch informierte Aufführungspraxis vor allem eine getreue Wiedergabe der Partitur bedeute; dies was die Instrumente betrifft, die Verzierungen, Stimmungen und so weiter. In jüngerer Zeit jedoch hat sich diese Sicht stark erweitert. Das Studium und die Neubelebung von historischen Fähigkeiten wie Improvisation und Komposition bereichern nun die Arbeit mancher Ausführenden der Alten Musik, insbesondere derjenigen auf dem Gebiet des 16. und 17. Jahrhunderts. Die Künstler*innen schaffen mittels Improvisation, Verzierungen und zusätzlichen Instrumentalstimmen ihre ganz eigenen Versionen oder Arrangements, sei es von einzelnen Stücken oder ganzen Werken – und es enstehen sogar ganze neukomponierte Opern.
Diese Praxis, den Kontext Alter Musik immer tiefer zu erforschen und ihn neu wiederaufleben zu lassen, ist die logische Konsequenz einer intensiven Beschäftigung mit der Aufführung Alter Musik; sie geht auf diesem Weg nun aber noch einen Schritt weiter. Bei der Beschäftigung mit „neuer” Alter Musik erhalten wir Zugang zu Aspekten der historisch informierten Aufführungspraxis, die sonst meist unzugänglich bleiben: die Übereinstimmung eines für bestimmte Ausführende geschaffenen Musikstücks mit seinen Interpret*innen, der Einbezug des Komponisten in diesen Prozess, und das besondere Erlebnis sowohl für Ausführende wie Publikum, in Alter Musik etwas Neues zu hören, das so vorher noch nie zu hören war.
Joseph und seine Brüder folgt den Spuren der ersten Opernkomponisten um 1600, sowohl in ihrer musikalischen Sprache wie in ihrer Absicht: eine Geschichte durch Musik zu erzählen und so die Gefühle des Publikums zu bewegen.
Elam Rotem