So 22.02.

17.00h Johanneskirche
Limmatstrasse 112

Angelo Poliziano:
La Fabula di Orfeo

Le Miroir de Musique


La Fabula di Orfeo
  1. Silenzio. Udite. E’ fu già un pastore
  2. La giloxia in canto
    Domenico da Piacenza
    De la arte di ballare e danzare, Paris BN
  3. Hai tu veduto un mio vitelin bianco?
    Modell: Salve regina de misericordia – Anonym – Capetown, Codex Grey
  4. O char tesoro o gratioso aspeto
    Anonym – Escorial B
  5. Udite, selve, mie dolce parole
    Musik: Baptiste Romain
  6. O char tesoro o gratioso aspeto
    Anonym – Escorial B
  7. El non è tanto el mormorio piacevole
    Modell: Rezina del cor mio – Anonym
    Paris 676
  8. Rimanti, Mopso, ch’i’ la vo’ seguire
  9. Non mi fuggir, donzella
    Modell: Aimé ch’adesso io provo – Anonym – Paris 676
  10. Io mi conduco a morte in dolze stento
    Anonym – Paris 676
  11. O meos longum modulata lusus
    Modell: Integer vitae – Michele Pesenti
    Frottole libro primo – Venedig: Petrucci 1504
  12. Crudel novella ti rapporto, Orfeo
  13. O meos longum modulata lusus
    Siehe Nr 11. Intavolierung: Marc Lewon
  14. O regnator di tutte quelle genti
    Modell: Alta regina a ti piangendo io vengo – Anonym – Paris 676
  15. Alta regina a ti piangendo io vengo
    Anonym – Paris 676
  16. Io non credetti, o dolce mie consorte
    Modell: Contento in foco sto como foenice – Anonym – Paris 676
  17. Ite triumphales circum mea tempora lauri
    Modell: Hora may che fora son – Anonym – Escorial B
  18. Oimè, che ‘l troppo amore
  19. Oimè, se’ mi tu tolta lo vegio la mia vita ja finire
    Anonym – Montecassino 871
  20. Qual sarà mai sì miserabil canto
    Modell: Alta regina – Siehe Nr. 14
  21. Ecco quel che l’amor nostro disprezza
  22. Ognun segua, Bacco, te
    Modell: Hora may che fora son – Anonym – Escorial B

Dem Text der Fabula di Orfeo liegt die folgende Referenzausgabe zugrunde: Poliziano – Stanze, Orfeo, Rime. Davide Puccini, Garzanti, Milano 1992

Sind für die Interpretation von Polizianos Texten keine musikalischen Vorlagen angegeben, werden diese gesprochen oder frei psalmodiert.


Le Miroir de Musique
Alice Borciani Sopran
Tessa Roos Mezzosopran
Ivo Haun Tenor, Laute
Jacob Lawrence Tenor, Lira da braccio
Cyril Escoffier Tenor
Grace Newcombe Sopran, Harfe
Silke Schulze Einhandflöte & Trommel, Schalmei, Pommer
Marc Lewon Cetra, Laute
Baptiste Romain Lira da braccio, Rebec, Vielle, Dudelsack & Leitung

lemiroirdemusique.com

Der erste Orfeo

Florenz im 15. Jahrhundert: das Zentrum des Humanismus. Das grosse Ziel der Humanisten war es, die Kultur der Antike, ihre Mythen und Erzählungen wiederzubeleben. Zu diesem Kreis gehörten Angelo Poliziano (1454–1494) und sein Zeitgenosse und enger Vertrauter Marsilio Ficino (1433–1499). Die Symbolfigur ihrer Academia Platonica (keine Institution, sondern ein Diskussionskreis) war Orpheus. Er galt ihnen als inspirierter Dichter und Wortmagier, der im Namen der Liebe dem Tod entgegentritt, aber auch als religiöser Philosoph, der esoterisches Wissen besitzt.
Angelo Poliziano – Literat, Dichter und Philologe – verbrachte den Grossteil seines Lebens im Dienst der Medici-Familie, als enger Vertrauter von Lorenzo Il Magnifico, dessen Nachkommen er unterrichtete. Poliziano erwarb sich einen glänzenden Ruf durch seine Gelehrsamkeit, seine Sprachgewandtheit im Lateinischen und Griechischen, aber auch durch seine poetische Begabung im Umgang mit der toskanischen Sprache. Seine Fabula di Orfeo entstand während eines seiner seltenen Aufenthalte ausserhalb von Florenz, möglicherweise in Mantua, in der Umgebung des Kardinals Francesco Gonzaga (1483 verstorben). In einem Brief an Carlo Canale, in dem er das Werk vorstellt, gibt Poliziano an, dass er den Text in nur zwei Tagen geschrieben und dabei die italienische Sprache dem Latein vorgezogen habe, um von seinem höfischen Publikum verstanden zu werden.
Für den Stoff der Fabula di Orfeo griff Poliziano auf die Schriften von Vergil und Ovid zurück und bereicherte die Erzählung um neuplatonische Deutungen des Mythos. Dieser hybride Text, der Theater, Musik und Erzählung miteinander verbindet, ist weder Tragödie noch Komödie, sondern steht in der antiken Tradition der satirischen Fabel. In ihr findet Orpheus einen gewaltsamen Tod durch die Bacchanten, die Anhänger des Gottes Dionysos. Diese feiern danach im Rausch triumphierend die Rückkehr zur ursprünglichen Harmonie des «Goldenen Zeitalters», zur aetas aurea. Mit diesem paradoxerweise fröhlichen Ende erneuert Poliziano den Mythos: Die Unordnung, die durch die zerstörerische Leidenschaft von Orpheus und seinem Nebenbuhler Aristaeus verursacht wurde, löst sich in einem bacchischen Trinkgelage auf.
Wie seine Zeitgenossen interpretiert Poliziano den Mythos von Orpheus neu und im Lichte der christlichen Kultur und Ideologie seiner Zeit. Die Figur der Eurydike wird aus einer misogynen Perspektive heraus gedeutet: Sie verkörpert die Weiblichkeit, die den Ursprung des Unglücks darstellt. Orpheus’ Nebenbuhler Aristaeus hingegen wird als Opfer betrachtet, das von der weiblichen Verlockung in die Irre geführt wird. Orpheus selbst wiederum verkörpert die Masslosigkeit des Dichters, der glaubt, die Gesetze der Welt umstossen zu können. Seine Fähigkeit, das Universum zu verzaubern, verdankt er allein seiner göttlichen Herkunft: Als Sohn von Apollo und der Muse Kalliope besitzt er die Macht, sich sogar die Natur gefügig zu machen. Er überschreitet dabei die menschlichen Grenzen und wird von den Bacchanten bestraft.
In den Kreisen der Florentiner Akademie wurde die Figur des Orpheus darüber hinaus zu einem Sinnbild für die homophile Liebe; diese wurde von zahlreichen Humanisten als der heterosexuellen überlegen angesehen, da sie mit dem platonischen Konzept der Tugend assoziiert war. Poliziano selbst machte daraus kein Geheimnis, wie mehrere seiner griechischen und lateinischen Epigramme belegen.
Die Fabula di Orfeo ist ein Erzählgedicht, in erster Linie aber ein Werk, das daraufhin angelegt war, auf einer Bühne vorgetragen und gesungen zu werden, wie es damals am Hofe üblich war. Die Originalmusik ist nicht erhalten, aber Spuren im Text und Berichte über die Aufführungen zeugen von ihrer Bedeutung. Für unsere Konzertversion haben wir uns entschieden, den Grossteil des Textes gesungen zu präsentieren. Um Melodien zu finden, die den vorhandenen Rezitationsmustern entsprechen, mussten wir auf die frühesten Sammlungen zurückgreifen, die die Wiederbelebung der italienischen Musik zwischen 1470 und 1500 dokumentieren. Darüber hinaus wurden italienische Lieder aus der franko-flämischen Tradition hinzugefügt, die die Handlung deuten und kommentieren.
Im Text dominiert die Struktur der ottava rima, einer Gedichtstrophe mit acht gereimten Zeilen. Sie ist typisch für Heldendichtung und verleiht dem Ganzen einen epischen Charakter. Dieses Metrum wurde von den canterini verwendet, den Sängerdichtern, die Geschichten zu Musik deklamierten, manchmal auch mit religiösen oder politischen Themen – ihre Tradition besteht in Italien bis heute. In den dokumentierten Aufführungen wurde die Rolle des Orpheus von einem gewissen Baccio Ugolino gespielt, einem improvisierenden Sänger, der den Text in einer Mischung aus Deklamation und Musik interpretierte, dem sogenannten parlar cantando, wobei er sich selbst auf der Lira da braccio begleitete.
Die Tradition des parlar cantando geht auf die griechische Antike zurück; der von der Lyra begleitete Rezitationsgesang war gleichzeitig Erzählung, Gebet und Beschwörung. Im 15. Jahrhundert erlebte dieses Instrument des Orpheus in humanistischen Kreisen eine Wiederbelebung. So sang zum Beispiel der Humanist und Philosoph Marsilio Ficino seine Orphischen Hymnen mit einer Lyra orphica, die mit einem Bildnis des Helden verziert war; Leonardo da Vinci trat ebenfalls als lyraspielender Sänger auf. Dieses Streichinstrument mit sieben Saiten ist eine direkte Weiterentwicklung der mittelalterlichen Fidel und ermöglicht ein flexibles Spiel, das sowohl harmonische Klangverbindungen als auch einstimmig-modales Spiel erlaubt und damit die Rezitation unterstützt.
Ein weiteres musikalisches Attribut des Orpheus ist die Cetra. Sie hat ihre Ursprünge in der Tradition der mittelalterlichen Zupfinstrumente, weist aber auch antikisierende Züge auf, die von der Kithara inspiriert sind. Laut dem Theoretiker Johannes Tinctoris wurden die Metallsaiten mit einem Plektrum gezupft und ihre Stimmung evozierte die Harmonie der Sphären.
Was wir im Konzert präsentieren, ist das Ergebnis eines langen musikalischen Weges und einer intensiven Beschäftigung mit Polizianos Text. Die Auswahl der Melodien, die den Text begleiten, bleibt aber auch so hypothetisch. Unser Ziel ist es, die Geschichte von Orpheus, die Kraft der ottava rima und die theatralische Sprache der Renaissance in der heutigen Zeit wieder aufleben zu lassen. Durch die Erforschung der Rezitationsmethoden und die Aneignung der Instrumente, wie sie damals konzipiert wurden, hoffen wir, eine sensible und lebendige Lesart von Polizianos bahnbrechendem Werk darbieten zu können – es nimmt die Entstehung der Gattung Oper um mehr als ein Jahrhundert vorweg. Umso berührender ist, dass Polizianos Orfeo vielleicht am gleichen Ort wie Monteverdis Orfeo (1607) aufgeführt wurde.
Baptiste Romain