Musica Transalpina ist unser Konzertprojekt betitelt, in dem ensemble histoirefuture sich dem Zusammenhang von Musik und alpinem Kontext widmet, ausgehend von Musik um 1600, aber mit stetiger Verknüpfung zu den Fragen unserer Zeit. In den vergangenen drei Jahren hat ensemble histoirefuture diese Thematik aus verschiedenen Perspektiven musikalisch reflektiert. Beispielsweise an historischen Orten des Musikschaffens in den Alpen wie den Klöstern Müstair und Marienberg ebenso wie im Dialog mit Experten*innen der Glaziologie und Biologie am schmelzenden Porchabella-Gletscher mit zwei Geigen auf knapp 3000 Metern; mit einer von Matthias Klenota geführten Exkursion mit 20 Musikstudierenden aus 14 Nationen, bei der eine Passüberschreitung musikalisch-performativ inszeniert wurde, in grossen Sälen wie in der Bespielung von entlegenen Orten in Berggebieten, mit Recherche und Wiedererstaufführungen von barocker Musik ebenso wie der Komposition neuer Musik.
Der Titel Musica Transalpina ist einer Sammlung entlehnt, die 1588 in London publiziert wurde: Musica transalpina. Madrigals translated of foure, five and sixe parts, chosen out of divers excellent Authors (…) ist ein Sammelband von italienischen, ins Englische übersetzten Madrigalen. Offenbar wurde die Bewegungsrichtung über die Alpen vom Herausgeber für so bedeutend gehalten, dass er sie gleich im Titel signalisierte. Tatsächlich lagen in dieser Zeit in Italien einige der wichtigsten Impulszentren für musikalische Innovation. Diesen Ruf sollte Italien für gute 200 Jahre behalten, und ihm folgten viele Musiker aus ganz Europa. Damit rückt «der Süden» in den Mittelpunkt unseres Interesses im alpinen Kontext. Wichtig zu erwähnen ist, dass es um 1600 noch kein nationalstaatliches Gebilde «Italien» gab, sondern eine Vielzahl von verschiedenen Hoheitsgebieten. Diese waren oft einerseits in ihrem Gepräge sehr eigen und gleichzeitig mit fernen Orten in regem Austausch. Die neuere Geschichtsforschung betont die Komplexität kultureller Vermischungen und Beziehungen, in Europa insgesamt, aber ganz besonders im Mittelmeerraum. Beispielsweise war Neapel lange Zeit unter spanischer Herrschaft, und so kamen über die Hafenstadt aus den spanischen Kolonien Einflüsse aus Südamerika nach Italien. Über Venedigs Handelsverbindungen wiederum fanden kulturelle Importe aus dem fernen Osten ihren Weg nach Mitteleuropa. Das Bild eines in sich geschlossenen Kulturraums Italien gerät also bei genauerem Hinsehen schnell ins Wanken; viel eher ist es die Integration und Verarbeitung verschiedenster Strömungen, die sich als einzigartige Stärke zeigt. Zunehmend wird auch deutlich, dass eine lange national finanzierte Musikwissenschaft und Kulturpflege auch hauptsächlich nationale Blickwinkel eingenommen haben; das genauere Hinsehen auf historische Wege und Verbindungen zeigt viel weitere Verflechtungen, und es ist wünschenswert, diese Vielfalt zukünftig in der Pflege des musikalischen Erbes hörbar, sichtbar und zugänglich zu machen.
Im Gegensatz zum Tourismus ab dem 19. Jahrhundert kamen zuvor Musiker (sowie bildende Künstler und Wissenschaftler) nicht aus Freude an der Natur in die Alpen, sondern meist nur, weil sie nach Italien wollten, oder in die umgekehrte Richtung: weil italienische Musiker ihre Kunst nach nördlich der Alpen exportierten, zum Beispiel in Anstellungen an Höfen oder als tourende Musiker für die Opernsaison. Um nur eine handvoll bekannter Namen zu nennen: Orlando di Lasso, Johann Rosenmüller, Giovanni Antonio Pandolfi-Mealli, Nicola Matteis, Georg Muffat, Francesco Veracini, Georg Friedrich Händel, Wolfgang Amadé Mozart, Louis Spohr …: sie alle haben Italien zum musikalischen Studium bereist oder zum Export ihrer Kunst verlassen und haben dabei den Weg über die Alpen genommen.
Während wir heute die Alpen als einen Erholungsraum und Ort von Naturschönheit schätzen, waren sie für Reisende vor unserer Zeit vor allem mit Schrecken und Gefahr verbunden. Von wenigen Ausnahmen abgesehen wird sich eine Reisetätigkeit zur Bewunderung der Natur der Alpen erst im späten 18. Jahrhundert etablieren. In einer Zeit, in der wenig bis gar nicht zum Vergnügen gereist wurde, waren die reisenden Musiker*innen der Frühen Neuzeit sicher auch Träger*innen von mannigfaltigen Reiseerfahrungen, die sie über Erzählungen mitbrachten. Zudem gehörten sie zu einer polyglotten Gesellschaftsschicht, die zur Verbreitung von Fremdsprachen beitrugen und oft auch in anderen Wissenschaften bewandert waren.
Der Schrecken vor den Bergen ist bis in die Antike zurück dokumentiert: Silius Italicus (ca. 25–100 n.Chr.) schreibt im Zusammenhang mit Hannibals Feldzug über die Alpen: Kein Frühling, nirgendwo, keine Annehmlichkeiten des Sommers. Einzig der hässliche Winter bewohnt die schrecklichen Gebirgszüge und verteidigt sein ewiges Zuhause. Ganz anders schwärmt Goethe im späten 18. Jahrhundert beim Anblick des Mont Blanc: Es sind keine Worte für die Grösse und Schöne dieses Anblicks. (…) Man gibt da gern jede Prätension ans Unendliche auf, da man nicht einmal mit dem Endlichen im Anschauen und Gedanken fertig werden kann.
Etwa zeitgleich zieht es mit Malern wie Caspar Wolf (1735–1783) auch Künstler*innen um der Berge selbst willen in die Alpen. Wolf ist einer der ersten, die en plein air hochalpines Gelände und Gletscher malen. Er ist damit Wegbereiter für englische Touristen*innen des 19. Jahrhunderts, deren Begeisterung fürs Aquarellieren unter freiem Himmel genauso gross ist wie diejenige, im Sinne des modernen Alpinismus Gipfel zu besteigen. Der sportliche Alpinismus wird im 19. Jahrhundert so gewissermassen eine tollkühne Variante der Grand Tour, einer für Adelige des 18. Jahrhunderts fast schon pflichtmässigen Bildungsreise, die zwingend nach Italien zu führen hatte.
Über den Geiger Nicola Matteis haben wir Hinweise, dass er seine Reise von Neapel nach London um 1670 zu Fuss zurücklegte. Wir dürfen davon ausgehen, dass das Reisen über grosse Distanzen zu Fuss für alle Schichten abseits des Adels in der Frühen Neuzeit ein Normalfall war. Ein besonders beeindruckendes Zeugnis dafür liefert der Metallhandwerker Augustin Güntzer (1596– ca. 1657) in seinem Tagebuch Kleines Biechlin von meinem gantzen Leben, in dem er seine Reisen rekapituliert, die ihn durch ganz Europa führten. Ähnliche Distanzen finden sich im raren Zeugnis eines schriftkundigen anonymen Söldners aus dem Dreissigjährigen Krieg in der Berliner Staatsbibliothek. Güntzers Tagebuch gibt uns einen Einblick, was für reisende Musiker der Unter- und Mittelschicht, von denen wir keine Tagebücher haben, auf Fussreisen normal gewesen sein muss: dem Wetter ausgesetzt (wihr waren alzumal halb dodt), Massenlager in schlechten Herbergen oder Übernachtungen mitten in der Natur (deß nachts lag ich auf den wilten Heiden unter dem helen Himel), Orientierung über Durchfragen und Anschluss an zufällige Reisegenossen (ich reisete mit den Säumern beizeiten), ständige Furcht vor Überfällen (so sie mein gelt gewußt hatten, so hatten sie mich villeicht ermordet). Hinzu kommt, dass selbst noch im 17. Jahrhundert die Natur in Europa eine vollkommen andere Wildnisqualität aufgewiesen haben muss als heute. So erfriert einer von Güntzers Weggefährten im August 1618 in einem Schneesturm, Güntzer watet bis zur Hüfte im Schnee ins Tal. Besagter anonyme Söldner bemerkt um 1625 über den Gotthardpass lapidar: midten auff den bergh stehet eine kabpellen vndt wirtshaus, den wan einer oben stirbet oder tudt erfrieren, den es ist winter vndt sommer eine grausame kelte, vndt grosen schne, auff den bergk, so wirft man Ihn In der Cabpele.
Obwohl es auf den grösseren Pässen gewisse Infrastrukturen gab, waren diese durch ständige Lawinen und Erdrutsche doch vermutlich in wenig zuverlässigem Zustand. An manchen Routen wie dem Gemmipass oder dem Mont Cenis sind Führer von Maultieren oder Sänftenträger belegt, diese dürften aber einer kleinen zahlungskräftigen Klientel vorbehalten gewesen sein. Durchgehend befahrbar wurden Pässe erst durch enorm aufwändige Projekte wie dem Bau der Simplonstrasse (1801–1805), in Auftrag gegeben durch Napoleon I. Und selbst dort blieben vor unserer Zeit stets Gefahren: Der Geiger und Komponist Louis Spohr schildert in seiner Selbstbiographie 1816, wie die Kutsche am Simplon auseinandergebaut und auf Schlitten verladen wird. Während das schwere Material im nassen Schnee dauernd einsackt, stapfen die Passagiere ihrer Kutsche hinterher, mühsam vereiste Lawinenkegel umgehend …
Warum also nochmals Reisen und all diese Strapazen auf sich nehmen? Hier kann doch das grosse Wort Inspiration zu Recht benutzt werden, denn immer schon waren Künstler*innen neugierig und reisten, um Anderes, bisher Ungehörtes, Ungesehenes, Neues kennen zu lernen, koste es was es wolle und sei es auf den ersten Blick noch so unnütz. Treffend fasst es Mozart aus Paris 1778 an seinen Vater zusammen: Ich versichere sie, ohne reisen — wenigstens leüte von künsten und wissenschaften — ist man wohl ein armseeliges geschöpf! ein mensch von mittelmässigen talent bleibt immer mittelmässig, er mag reisen oder nicht — aber ein Mensch von superieuren Talent wird schlecht wenn er immer in den nemlichen ort bleibt.
Matthias Klenota