Die Städte
Die europäischen Städte des 15. Jahrhunderts waren nicht nur Zeugen grosser sozialer, kultureller und politischer Umbrüche, sondern zugleich auch Machtzentren, in denen die Künste und damit auch die Musik als Instrumente für Einfluss und Prestige dienten. Überall in Europa wurden Fürsten zu Mäzenen, um mithilfe von Kunstwerken ihre Macht zu demonstrieren und ihren Glanz zur Schau zu stellen.
Das Ensemble Into the Winds lädt das Publikum ein, in die musikalische Atmosphäre mehrerer bedeutender Städte jener Epoche einzutauchen:
Paris: zerrissen vom Bürgerkrieg zwischen den Armagnaken und Burgundern.
Brügge: glanzvolles Zentrum der burgundischen Kultur und Drehscheibe des Handels. Dijon: die alte Hauptstadt Burgunds, die nach dem Tod Karls des Kühnen bedeutungslos wird.
Florenz: Stadt der Medici und der Herrschaft des «idealen Fürsten» Lorenzo il Magnifico.
Granada: die letzte muslimische Stadt Spaniens, die von den vereinten Kronen von Aragon und Kastilien zurückerobert wird.
London: Hauptstadt Heinrichs VIII., so brutal als Herrscher wie leidenschaftlich als Liebhaber der Musik.
Lyon: Triumphaler Einzug von Franz I. auf dem Weg nach Marignano, wo er die Eidgenossen besiegen wird.
Die Musik
Etwas verwirrend, nicht wahr? Auf dem Programm steht Instrumentalmusik, die Titel scheinen aber alle auf Vokalstücke hinzuweisen – auch auf solche, die bis heute gesungen werden, wie etwa das nicht nur in England populäre Pastime with Good Company.
Tatsächlich ist aus der Zeit vor 1500, abgesehen von einigen Tänzen, hauptsächlich mehrstimmige Vokalmusik überliefert: Messen und Motetten, im weltlichen Bereich Chansons. Ob diese Werke, vor allem die Chansons, aber auch wirklich nur gesungen wurden; ob einzelne oder manchmal alle Stimmen begleitet und ev. auch durch Instrumente ersetzt wurden; ob die Instrumente exakt nur die Gesangsstimme mitspielten oder auch mal diesen oder jenen «Schlenker» einbauten; bei welchen Gelegenheiten Instrumente überhaupt erlaubt oder dann verlangt waren – das und manch anderes mehr ist auch heute noch Gegenstand der Forschung. Tatsache scheint aber zu sein, dass im 15. Jahrhundert die Instrumentalmusik zunehmend an Bedeutung gewann, sowohl in ihrer gesellschaftlichen Funktion wie auch als Kunstform.
Das zeigt sich vor allem an der sogenannten Intabulation – der Übertragung polyphoner Gesänge auf ein Tasten- oder Saiten-
instrument. Eine der frühesten Quellen ist das aus Süddeutschland stammende Buxheimer Orgelbuch (um 1460). Keineswegs ging es da nur um eine wörtliche Übertragung, sondern um eine kunstvolle und technisch anspruchsvolle Neugestaltung für ein Tasteninstrument. Ähnliches gilt auch für die Laute: Intabulierte Fassungen bekannter Chansons erlauben nicht nur, sondern verlangen freie Verzierungen und rhythmische Freiheiten – ein Zeichen wachsender instrumentaler Virtuosität.
Auch das Repertoire für Tanzmusik wird immer vielfältiger – und vor allem: Es wird immer häufiger aufgeschrieben und schliesslich auch gedruckt: von Jacques Moderne und Pierre Attaingnant in Frankreich sowie von Pierre Phalèse in den Niederlanden. Allerdings findet sich in dieser fixierten Notation nicht die ganze Wahrheit; Tänze wurden in der Praxis wohl häufig auch improvisatorisch gestaltet: durch Wiederholungen, Verzierungen und rhythmische Variationen. Die überlieferten Notationen müssen also wohl auch mit etwas Mut zur Kreativität wiedergegeben werden.
Dann bleibt noch die Frage: Mit welchen Instrumenten wurde diese Musik gespielt? Feste Besetzungen gab es damals zwar nicht, Unterschiede aber schon. Bei öffentlichen Anlässen spielten die instruments hauts (also die «laut-starken» Instrumente), auch Alta capella genannt; das Gegenteil wären die instruments bas (leise Instrumente wie Blockflöten und Saiteninstrumente). Der Musiktheoretiker und Komponist Johannes Tinctoris bezeichnete um 1484 die Alta capella als das Zusammenwirken von Schalmei, Dulzian, Trombone und Zugtrompete.
Das Ensemble Into the Winds spielt im Konzert vor allem das Repertoire der burgundisch-französischen Alta capella. Im Weiteren findet sich in seinem Programm aber auch Musik der französischen und italienischen Spielleute, des englischen Broken consort, das in gemischter Besetzung spielt, bis hin zu den arabisch-andalusischen Ensembles, die in Spanien vor der Reconquista noch aktiv waren – ein farbiges Kaleidoskop Europas.